Silber-Feier in Sebnitz und Pirna

Tillig startete vor einem Vierteljahrhundert in die Zukunft

Die Geschichte von Tillig begann im Jahr 1945, als der Feinschlossermeister Werner Zeuke kurz nach Kriegsende begann, sich mit Modelleisenbahnen zu beschäftigen. Zwischen 1948 und 1956 lieferte Zeuke Spur-0-Bahnen. Auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1957 stellte er allerdings die ersten TT-Modelle vor, die 1958 in den Handel gelangten: eine Dampflok der Baureihe 81 sowie eine DB-V 200. Die TT-Modellbahn war von Beginn an auch für den Export gedacht. 1966 erfolgte der Umzug in die Storkower Straße in Berlin. Im Jahr 1972 mutierte die Marke Zeuke zum verstaatlichten VEB Berliner TT-Bahnen (BTTB).

 

Der Export in den Westen verlief zwar nicht nach den Vorstellungen, aber dafür waren zahlreiche RGW-Länder gute Absatzmärkte, vor allem die Tschechoslowakei, die Sowjetunion, Polen und Ungarn. „Davon profitieren wir heute noch, dass damals in vielen Ostblockstaaten TT-Bahner heranwuchsen, die seit Jahren wieder verstärkt unsere Produkte nachfragen und die wir auch in unserer Modellpolitik berücksichtigen“, erzählt der Tillig-Geschäftsführer Günter Kopp.

 

Kurz vor der Wende arbeiteten 800 Beschäftigte für die BTTB.

 

Die Wende führte zu einem gewaltigen Einschnitt. Die Mitarbeiterzahl sank auf 80. Werner Zeuke konnte sein Unternehmen zwar kurzfristig wieder übernehmen, schaffte den Turnaround jedoch nicht. Am 1. Juli 1993 musste BTTB Konkurs anmelden. Damit stand die gesamte Nenngröße vor dem Aus.

 

Auch für Hans-Jürgen Tillig bedeutete der Konkurs eine existentielle Bedrohung. Er hatte 1991 das in Sebnitz beheimatete Unternehmen Pilz-Modellgleis übernommen und fertigte TT-Gleise für BTTB. Verschwände der bedeutendste Hersteller für TT-Rollmaterial, wäre auch seine Gleisproduktion obsolet. Tillig beschloss, BTTB zu übernehmen. Günter Kopp zieht heute noch den Hut vor Tilligs Mut. Aber nicht nur das, Tillig wollte die Produktion auch von Berlin nach Sebnitz überführen. Eine Herkulesaufgabe. Zeit hatte er kaum, sollte TT nicht vom Markt verschwinden. Die Kunden erwarteten Verlässlichkeit.

 

Die bisherigen Sebnitzer Produktionsstätten am Burggässchen und am Albert-Kunze-Weg boten nicht genug Platz und so war der Ankauf der Gebäude der ehemaligen Sächsischen Glasfaserindustrie (Angelruten) an der Promenade ein notwendiger Schritt. 1996 war der Umzug an den neuen Standort abgeschlossen. Doch die neue Produktionsstätte befand sich nicht in bestem Zustand und musste aufwendig saniert werden. Und am Ende erforderten nicht nur die Immobilien große Investitionen, auch das Modellprogramm bedurfte an vielen Stellen einer Auffrischung. Um mit den etablierten Mitbewerbern aus dem Westen mithalten zu können, mussten neue Maschinen und Computer beschafft werden. Ein Glücksfall war der Freiburger Unternehmer und Investor Wilhelm Oberle, der als Gesellschafter einstieg und Tillig vor allem mit Kapital versorgte. Die Zukunft konnte kommen. in dieser Phase fanden zirka 130 Beschäftigte bei Tillig Lohn und Brot. Mitte der 90er-Jahre war der Modellbahnhersteller einer der bedeutendsten Arbeitgeber in Sebnitz.

 

1999 musste Sachsenmodelle, Nachfolgeunternehmen des DDR-Traditionsherstellers Schicht, Insolvenz anmelden. im Jahr 2001 übernahm Tillig dessen Sortiment und die Vertriebsrechte und wurde so auch zum Produzenten von rollendem Material in der Nenngröße H0.

 

Die Produktion von Modellbahnen, die immer aufwendiger und detaillierter wurden, war ab den 90er-Jahren in der Bundesrepublik, selbst in einer strukturschwachen Region wie im Kreis Sebnitz, kaum mehr bezahlbar. Das erkannte auch der TT-Hersteller aus Ostsachsen. Schon 1998 wagte Tillig den Sprung ins Ausland, der jedoch nur ein kleiner Hüpfer war. Just hinter der Grenze in Horni Poustevna (Obereinsiedel) wurde die Tochter TilliG-CZ aus der Taufe gehoben. Heute arbeiten dort etwa 35 Beschäftigte in der Produktion von rollendem Material.

 

Der weit größere Schritt folgte noch: die Produktion in Fernost. Auch TilliG begann, in China zu fertigen, und musste dort auch ein große Krise überstehen überstehen: Die Modern-Gala-Pleite im Jahr 2015 traf nicht nur Tillig heftig. Ungeklärte Besitzverhältnisse vor allem bei den wertvollen Formen, die von der Polizei beschlagnahmt wurden, gerieten zu einer ernsthaften Bedrohung. Nachdem die Krise überwunden und die Spritzgussformen gerettet worden waren, stellte sich Tillig in China neu auf.

 

Nach Rückschlägen stets aufgestanden

 

In den vergangenen 25 Jahren hat Tillig die Spur TT enorm vorangebracht, und vor allem die Modelle aus dem vergangenen Jahrzehnt müssen sich längst nicht mehr hinter ihren H0- und N-Pendants verstecken.