Magie der Nacht

Meisterfotografen und ihre Werke

Am 1. März 1998 lief im amerikanischen Fernsehen eine neue Folge der vielfach ausgezeichneten Zeichentrick- Serie „The Simpsons“. Das war an sich nicht ungewöhnlich und vor ihr hatten bereits 193 andere Folgen Premiere gefeiert. Das Besondere in Folge 194, „Dumbbell Indemnity“, die ein halbes Jahr später auch in Deutschland lief, war jedoch eine kurze Sequenz, in der die Hauptfigur Homer Simpson ein Autokino besucht, während im Hintergrund ein Güterzug vorbeidampft. Wer mit dem Schaffen des New Yorker Fotografen Winston Link vertraut war, erkannte sofort, wovon sich die Zeichner inspirieren ließen. Es war sein berühmtestes Foto, „Hotshot Eastbound“. Link hatte erreicht, was noch keinem anderen Eisenbahnfotografen gelungen war. Die Eisenbahn in seinen Fotos war ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gedrungen.

 

Die Bilder waren von Kunstmuseen ausgestellt worden und hingen inzwischen in nostalgischen Bars und Restaurants. Aber bis zur Entdeckung ihrer historischen und künstlerischen Bedeutung sollte ein Vierteljahrhundert vergehen... Ogle Winston Link war am 16. Dezember 1914 zur Welt gekommen und verbrachte seine Kindheit im dichtbevölkerten New Yorker Stadtteil Brooklyn. Er interessierte sich schon früh für die Fotografie, die während seiner Highschool-Zeit mit einer vom Vater geliehenen Mittelformatkamera von Kodak ihren Anfang nahm. Sein Vater riet ihm zu einem Ingenieurstudium, das er 1937 abschloss. Es sollte ihm später bei der Planung und Durchführung seiner Eisenbahnfotos noch äußerst dienlich sein. Die Berufsaussichten waren jedoch schlecht und so nahm Winston das Angebot einer großen PRAgentur an, eine Zeitlang als Fotograf zu arbeiten. Die Firma hatte noch nie jemanden ohne fotografische Ausbildung und ohne eigene Kamera eingestellt und die Anfangszeit war für den jungen Reporter nicht einfach. Aber er lernte eine Menge und blieb fünf Jahre. Anschließend half er Wissenschaftlern bei der Entwicklung von U-Boot-Abwehrtechnik, denn ab 1942 setzten die deutschen U-Boote der amerikanischen Schifffahrt enorm zu.

 

Zu jener Zeit dachte Link erstmals darüber nach, Blitzbirnen per Funk auszulösen. Trotz Unterstützung der Elektroniker in seiner Abteilung gelang es nicht, eine funktionsfähige Anlage zu bauen. Nach Kriegsende wollte ihn die PR-Agentur wieder einstellen, aber er eröffnete lieber sein eigenes Fotostudio und widmete sich der Werbefotografie für Kunden aus Industrie und Wirtschaft, wie beispielsweise Goodrich oder Texaco. Mitte Januar 1955 führte ihn ein Auftrag nach Staunton, unweit von Waynesboro gelegen, einer Station der Norfolk and Western Railway (N&W). Der Eisenbahnfreund wusste, dass nur diese Bahngesellschaft noch alle Züge mit Dampf fuhr und beschaffte sich einen Fahrplan. Sein Auftrag sollte ihm etwas Zeit lassen, einen Blick nach Waynesboro zu werfen. Das war am 20. Januar 1955. Der freundliche Bahnhofsvorsteher begrüßte ihn und lud ihn ein, am nächsten Abend wiederzukommen, als er Links Begeisterung registrierte. Am Folgetag brachte der Fotograf seine Technik mit und machte vom Spätzug nach New York seine erste Nachtaufnahme der N&W. Wieder zuhause, entwickelte er umgehend das Negativ. Das Ergebnis faszinierte ihn dermaßen, dass er fortan in jeder freien Minute an die Realisierung seiner Vision denken musste.

 

Keine drei Monate später gastierte Winston wieder an den Gleisen der N&W. Die Eisenbahn hatte inzwischen ihre Genehmigung erteilt, um die er nach seiner Rückkehr gebeten hatte. Sie ermöglichte ihm freien Zutritt zu allen Bereichen.

 

von Olaf Haensch

 

Auszug aus

Magie der Nacht

Meisterfotografen und ihre Werke

 

Weitere Informationen

((hier klicken))

 

 

O. Winston Link Museum

Roanoke, Virginia

Shenandoah Ave

www.linkmuseum.org

 

"Welcome to Roanoke, VA!“ Die Museen und die Eisenbahn im einstigen Zentrum der Norfolk and Western Railway (N&W) sind für Bahnfreunde ein Reiseziel erster Güte. Mit mehr als 300 Bildern in einer interaktiven Ausstellung und einem mit eisenbahntypischen und regionalen Erinnerungsstücken ist das O. Winston Link Museum das Zentrum des Eisenbahnerbes von Roanoke.

Herzlich willkommen in Roanoke, Virginia!