Vielfältiger Betrieb zwischen Nord- und Ostsee

Eisenbahn in Schleswig-Holstein

»Nach Norden, und dann immer geradeaus!«

Nein, hier soll nicht etwa für einen ehedem bekannten Kümmelschnaps aus Deutschlands hohen Norden geworben werden. Aber sehr wohl für die Eisenbahn in einer vom herben Charme des Nordens geprägten Landschaft, wie man sie eben nur in Schleswig-Holstein antrifft.

 

Beschäftigt man sich mit der Eisenbahn in unserem nördlichsten Bundesland, wird man das Gefühl nicht ganz los, als würde die Region in der Fachpresse eher stiefmütterlich behandelt, denn einer übermäßigen Aufmerksamkeit zuteil. Dies mag unter anderem damit zusammenhängen, dass dem Norden unserer Republik schlicht die Berge fehlen, die anderswo per se für das Quäntchen mehr Motivation sorgen, die Eisenbahn attraktiv in Szene zu setzen. Das Land hat zwar keine Berge, dafür aber die Küsten von Nord- und Ostsee sowie wunderschöne Landschaften und Städte. Und natürlich eine ebensolche Eisenbahn mit ihren vielen technischen Eigenheiten.

 

Gleich vier markante Hochbrücken führen über die Ende des 19. Jahrhunderts künstlich geschaffene Wasserstraße des Nord-Ostsee-Kanals. Allen voran sei das Bauwerk der imposanten Hochbrücke in Rendsburger genannt, das alleine schon einen Besuch in Deutschlands Norden rechtfertigt. Nicht minder hervorhebenswert ist die Hochbrücke Hochdonn im Verlauf der Marschbahn Hamburg-Altona – Westerland (Sylt). So mancher Eisenbahnenthusiast wird beim Stichwort „Marschbahn“ unweigerlich an die hier noch bis 1972 im hochwertigen Schnellzugverkehr durch die Marschniederungen donnernden Altonaer Öl-01.10 erinnert.

 

Land zwischen den Meeren

Der die Insel Sylt mit dem Festland verbindende Hindenburgdamm und der untrennbar damit verbundene Autozugbetrieb sind weitere Alleinstellungs¬merkmal, die die Eisenbahn zwischen den Meeren unverwechselbar machen. Einmalig war auch die Lübeck-Büchener Eisenbahn. Ausgerechte ein kleines Privatbahnunternehmen war es, das in Deutschland den Wendezugbetrieb mit völlig neuartigen Doppeldeckwagen einführte. Das technische Equipment des zwischen Hamburg und Lübeck durchgeführten Städteschnellverkehrs ließ die Fachwelt seinerzeit aufhorchen und die allmächtige Reichsbahn fast einwenig alt aussehen. Eine faszinierende Eisenbahnzeit, bis der Zweite Weltkrieg dazwischen kam und alles zunichtemachte.

 

Nach dem Krieg strebte die junge Bundesrepublik nach Anerkennung. Im Jahre 1963 hieß es für die Bundesrepublik, mit der Vogelfluglinie und dem Fähranleger in Puttgarden den Weg freimachen für den internationalen Verkehr nach Rødby auf der dänischen Insel Lolland. Damals ein Prestigeprojekte, in deren Aura sich die Politik nur allzu gerne sonnte. Da der Fahrdraht erst sehr viel später den Weg nach Schleswig-Holstein finden sollte, bot die Bundesbahn für die Vogelfluglinie das Modernste auf, was sie dereinst zu bieten hatte – die Baureihe V 2001. Mit einem Mal war es um den nach dem Krieg ab 1951 aus bescheidenen Anfängen aufgebauten internationalen Fährbetrieb zwischen Großenbrode Kai und Gedser geschehen. Gleiches galt für die lokale Eisenbahnfähre über den Fehmarnsund.

 

Mit der Abkehr vom Dampfbetrieb entwickelte sich Schleswig-Holstein zu einer lupenreinen Dieselmekka, lange dominiert von den bei den Bahnbetriebswerken Flensburg und Lübeck stationierten Maschinen der Baureihe 218. Seit dem Einzug der Elektrotraktion sucht man die Dieselhochburgen heute vergebens.

 

Die vorliegende Sonderausgabe möge Retrospektive und Anregung zugleich sein, sich für die Eisenbahn in Schleswig-Holstein mit seiner wechselvollen Geschichte zu begeistern. Lohnende Ziele gibt es zur Genüge, die sich für eine Bahnreise in Deutschlands hohen Norden empfehlen.

 

von Udo Kandler

 

Eisenbahn Journal Vorbild-Sonderausgaben

Eisenbahn in Schleswig- Holstein

Best.-Nr. 531601