Berliner Streckenstern

44 Jahre geteilt – 25 Jahre wiedervereint

Insgesamt elf Hauptstrecken laufen aus allen Himmelsrichtungen auf Berlin zu, sie wurden zwischen 1838 und 1879 eröffnet und endeten zunächst am damaligen Stadtrand in Kopfbahnhöfen. Nach Eröffnung der die Innenstadt durchquerenden Viaduktstrecke im Jahr 1882 konnte man die Zahl der Kopfbahnhöfe auf fünf reduzieren.

 

Berlins Aufstieg zur Metropole verlief in atemberaubendem Tempo, bis heute ist sie durch die Bahntrassen des im 19. Jahrhunderts entstandenen Streckensterns geprägt. Deren Schneisen teilen noch immer das Häusermeer, trennen Stadtquartiere selbst dort, wo längst keine Züge mehr (und noch nicht wieder) fahren.

 

Als 1838 die ersten „Dampfwagen“ von Berlin nach Potsdam fauchten, zählte Preußens Hauptstadt rund 300 000 Einwohner. Als sie 1877 – nun zugleich Hauptstadt des Deutschen Reichs – Endpunkt von zehn Fernbahnstrecken und von einer Ringbahn umschlossen war, überschritt die Einwohnerzahl die Millionengrenze. Die Wohnraumnot zwang viele Menschen, in die inzwischen per Eisenbahn erreichbaren Vororte abzuwandern. Auch die Industrie verlagerte ihre Betriebe dorthin. Einst durch ländliches Gebiet trassierte Schienenwege entwickelten sich zu Lebensadern eines dicht besiedelten Wirtschaftsraums, der schließlich 1920 zur Vier-Millionen-Stadt „Groß-Berlin“ verschmolz.

 

Dabei war die Eisenbahn Friedrich Wilhelm III., bis 1840 König von Preußen, noch ziemlich gleichgültig gewesen. Bei der Konzessionierung der Strecke Berlin – Potsdam soll er in der ihm eigenen Sprechweise geknurrt haben: „Sehe keinen Grund, warum Stunde früher in Potsdam.“ Sein Nachfolger, Friedrich Wilhelm IV., bewies schon mehr Weitsicht. Auf der Feier zur Eröffnung der Gesamtstrecke am 29. Oktober 1838 als Kronprinz zugegen, prophezeite er: „Diesen Karren, der durch die Welt rollt, hält kein Menschenarm mehr auf.“

 

Zwei große Bauphasen

Gerechnet ab 1837, dem Baubeginn für die Linie nach Potsdam, entstanden innerhalb von nur neun Jahren fünf Eisenbahnstrecken (Eröffnungsjahre in Klammern):

• Berlin-Potsdamer Eisenbahn (1838) ab 1846 Berlin-Potsdam-Magdeburger Eisenbahn

• Berlin-Anhaltische Eisenbahn (1841)

• Berlin-Frankfurter Eisenbahn (1842) ab 1844 Niederschlesisch-Märkische Eisenbahn

• Berlin-Stettiner Eisenbahn (1842/43)

• Berlin-Hamburger Eisenbahn (1846).

 

Jede Linie endete vor den Toren der Stadt in einem eigenen Kopfbahnhof, um deren Vernetzung kümmerten sich die privaten Gesellschaften nicht. Erst der preußische Staat veranlasste den Bau einer an der Stadtmauer entlang führenden Verbindungsbahn, die die genannten Strecken ab 1851 miteinander verknüpfte. Sie blieb aber ein eingleisiges, überwiegend auf Straßen verlegtes Provisorium und diente nur dem Güterverkehr.

 

In den 1860er Jahren setzte eine zweite große Bauphase ein. Während dieser bildete sich im Wesentlichen das Berliner Eisenbahnnetz heraus, so wie es bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges existierte und funktionierte. Auch die jetzt hinzugekommenen großen Radialen wurden teils noch von privaten Gesellschaften errichtet, jedoch bis 1887 durchweg verstaatlicht. Die Ostbahn Berlin – Königsberg – Eydtkuhnen, die nach etappenweisem Bau aus der Mitte heraus schließlich von Küstrin her Berlin erreichte, entstand von vornherein in staatlicher Regie, ebenso die Eisenbahn Berlin – Blankenheim (Wetzlarer Bahn). Einen Sonderfall stellte die ab 1875 von Eisenbahnpionieren des Preußischen Heeres betriebene Königliche Militär-Eisenbahn zum Artillerie-Schießplatz Kummersdorf dar, sie wurde 1897 bis Jüterbog verlängert.

 

Die Radialstrecken der zweiten Bauphase:

• Berlin-Görlitzer Eisenbahn (1866/67)

• Königliche Ostbahn im Abschnitt Berlin – Küstrin (1866/67)

• Berlin-Lehrter Eisenbahn (1871)

• Berlin-Dresdener Eisenbahn (1875)

• Berliner Nordbahn nach Stralsund (1877/78)

• Eisenbahn Berlin – Blankenheim (1879) als Teil der Berlin-Wetzlarer Eisenbahn.

 

Zwar kamen noch einige Nebenstrecken – 1893 nach Kremmen, 1898 nach Wriezen – sowie verschiedene Privat- und Kleinbahnen hinzu, die elf strahlenförmig von Berlin ausgehenden Fernbahnen waren damit aber komplett. Von 1891 an erhielten sie zusätzliche Gleise für den Vorortverkehr. Trotz Verstaatlichung und Ausbaus blieben die alten Namen der Bahnen im Sprachgebrauch, verkürzt schlicht als Anhalter, Lehrter, Schlesische Bahn usw. bezeichnet.

 

von Konrad Koschinski

 

Auszug aus

Special-Ausgabe 2/2015

Eisenbahn in Berlin

44 Jahre geteilt – 25 Jahre wiedervereint

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Erscheint im September 2015