Nachtzug nach Nirgendwo

Ruhe sanft, deutsche Reisekultur des Schlafwagens

Was über ein Jahrhundert als die schönste Form des Unterwegsseins angesehen wurde, das schickt unser deutsches Bahnunternehmen in diesen Tagen auf eine Reise ins Nichts. BAHNEpoche-Autor Klaus Honold macht sich noch einmal auf den Weg – von Hamburg nach Wien und durch die traumhafte Geschichte der nächtlichen Reisezüge.

 

Hamburg Hauptbahnhof. Noch zwanzig Minuten bis zur Abfahrt. Sonntagabend im Frühsommer. Bahnhof als Großstadt im Kleinen, auch zu dieser Stunde. Jung und Alt, Fremde und Einheimische, Abschied und Begrüßung, Hast und Verweilen. Bahnhof, wie er sein soll, wie er immer war. Tor zur Welt und jetzt: Tor zur Nacht. Also schnell noch in die Versorgungszone, die Bucht der Bistros, der Theken mit Leckereien; Lachsbrötchen bitte und ein Baguette mit Krabben. Oder sind das Shrimps?

 

Es eilt. Wenn es eilt, dann ist es gut. Höchste Eisenbahn; wenigstens das stimmt noch. Hamburg Hauptbahnhof ist kein Kopfbahnhof. Seltsam genug, aus süddeutscher Sicht. Keine Zeit, den Zug zu mustern. 20.52 Uhr, Gleis 14, Einfahrt EN 491 nach Wien Hauptbahnhof, leider auch kein Kopfbahnhof. Nicht mehr. Einen Toast auf den alten Westbahnhof – schon bei der Abfahrt!

 

Aber wieso der Lebensmitteleinkauf, noch um zwanzig vor neun? Weil die Zeit dieser Züge zu Ende geht, weil die Zeit dieser Wagen schon zu Ende gegangen ist, jedenfalls bei der Bahn AG.

 

Dieser Wagen? Die Deutsche Bahn verabschiedet sich zum Fahrplanwechsel am 13. Dezember 2016 aus dem klassischen Nachtzugverkehr. Ihre Doppelstockschlafwagen des Typs WLABm hat sie jedoch schon im Herbst 2014 ausrangiert. Die mit den Deluxe-Abteilen im Oberstock. Die Begründung seinerzeit (der Presse gegenüber): Die Klimaanlage sei nicht mehr zeitgemäß, ihre Erneuerung zu teuer. Und was soll mit den Wagen geschehen? „Wir erwägen den Verkauf in den Iran.“

 

von Klaus Honold

 

Inhalte übernommen aus der BahnEpoche 21/16, die außerdem berichtet über ...

 

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